In mitten der Reformationswirren um 1520 beginnt in Zwickau ein geistlicher Aufbruch, der von normalen Bürgern der Stadt getragen wird. Als leitende Männer dieser Bewegung sind uns namentlich bekannt der Tuchweber Nicolaus Storch, der Tuchmacher Thomas Drechsel und der ehem. Wittenberger Student Michael Stübner.
Diese Männer hatten ganz offensichtlich eine Begegnung mit dem Heiligen Geist. Übereinstimmend berichten sie von Erfahrungen mit einem "inneren Licht" und rufen zu Buße und Umkehr sowie zu einem ernsthaften Leben mit Jesus Christus auf. Sie wenden sich gegen die mit der Reformation gepredigte Gnade aus Glauben und halten dem entgegen, dass sich Glaube auch in Werken ausdrücken muss.
Die beiden Weber lösen Betroffenheit und Zustimmung beim Volk aus. Über den Aufbruch in Zwickau schrieb der renommierte Historiker Gerhard Wehr: "Ein euphorisches Glücksgefühl ließ schon die wirtschaftliche Abhängigkeit und Bedrängnis der Weber und Berggesellen nicht aufkommen. Der tiefe Ernst, der sie beseelte, erwuchs ihnen durch bedingungslose Nachfolge Christi ... Deshalb auch ihre Skepsis gegenüber einer oberflächlich verstandenen Rechtfertigung des Sünders, deshalb auch ihre Ablehnung einer `billigen Gnade.`"
Der Rat der Stadt Zwickau mit dem Bürgermeister Hermann Mühlpfort fühlt sich provoziert. Mühlpfort ist einer der engsten Freunde Luthers. Der Wittenberger Theologe widmet dem Zwickauer Bürgermeister 1520 sogar seine Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen", in der Luther die zentrale evangelische These aufstellt, "daß ein Christenmensch am Glauben genug hat" und daß er "gewißlich von allen Geboten und Gesetzen entbunden" sei. Zwar seien "gute Werke" wichtig, doch für das Heil nicht nötig.
Die beiden Zwickauer Pfarrer Nikolaus Hausmann und Thomas Müntzer reagieren gegenteilig auf die prophetische Volksbewegung. Hausmann, Pfarrer der Marienkirche, stellt sich dagegen, Müntzer, Pfarrer der Katharinenkirche, ist beeindruckt und schließt sich der Bewegung an. In den nächsten Wochen werden 12 "Apostel" gewählt. Ähnlich wie im frühen Urchristentum haben Frauen gleichberechtigte Aufgaben in der Gemeinschaft.
Aus der Ferne donnert Luther gegen die "Rottengeister", die in Zwickau "hausen". Durch das Aufeinandertreffen von Anhängern und Gegnern der Gemeinschaft wären - so die Kirchengeschichtsschreibung - "Tumulte" in der Stadt entstanden. Der Staat greift ein. Ende April 1521 werden fünfundfünfzig Christen, allesamt Tuchmacherknappen, verhaftet, und der Pfarrer der Katharinenkirche, Thomas Müntzer, wird ausgewiesen. Noch mahnt Luther, den Einsatz von Gewalt zu begrenzen. An den Hofkaplan des verantwortlichen sächsischen Fürsten Friedrichs des Weisen schreibt er: "Trage Sorge dafür, daß unser Fürst nicht seine Hände beflecke mit dem Blut jener neuen Zwickauer Propheten."
Während Luther, selbst noch kurzzeitig von Verfolgung bedroht, auf der Wartburg die Bibel übersetzt, zieht eine Abordnung der Zwickauer Christen nach Wittenberg und spricht mit Melanchthon. Über seine Begegnung mit den Propheten schreibt Melanchthon an den Kurfürsten Friedrich den Weisen: "Ich kann kaum sagen, wie stark mich das beeindruckt. Jedenfalls hindern mich gewichtige Gründe daran, sie unbeachtet zu lassen ... Ich würde Eure Hoheit nicht mit diesem Brief belästigen, wenn die Sache nicht so wichtig wäre, daß sie eine rasche Entscheidung erforderte. Auf der einen Seite müssen wir uns hüten, den Geist Gottes zu dämpfen, auf der anderen Seite dürfen wir uns aber auch nicht vom Satan gefangen nehmen lassen." Auch der neben Melanchthon und Luther dritte Theologieprofessor, Nikolaus von Amsdorf, ist von den Zwickauern tief beeindruckt, und der Historiker Gerhard Wehr schreibt: Es war "die geistige Kraft, die von diesen Männern ausgegangen sein muß."
Als die Erweckungsbewegung trotz Bedrückung und Verfolgung weiter wächst, greift Luther selbst ein. Zunächst erklärt er sich bereit, Stübner zu treffen. Dieses Treffen findet zu Beginn des Jahres 1522 in Wittenberg statt. Luther läßt sich jedoch auf keinen ernsthaften Dialog ein. Die Bibel allein genüge, so Luther. "Gott läßt es bei seinem Wort [der Bibel] bleiben ... Ich will mit dir nichts zu schaffen haben, es sei denn du tust Zeichen", so der Theologe, um Stübner gleich darauf entgegen zu schreien: "Mein Gott wird deinen Gott verhindern, Zeichen zu tun ohne den Willen.".
Der Theologe Luther beschließt, die geistliche Erweckungsbewegung niederzuringen und selbst nach Zwickau zu reisen. Am 8.4.1522 quartiert er sich beim Bürgermeister der Stadt ein und hält eine Predigt nach der anderen. Für den 1. Mai läßt die Stadt Zwickau 14 000 Menschen aus Zwickau und Umgebung vor dem Rathaus versammeln, mehr als die Stadt Einwohner hat. Wie als Symbol der staatlichen Unterstützung wird für Luther ein großes Fenster des Rathauses zur Kanzel gemacht, und Luther predigt von hier aus mit lauten Worten seine Lehre. Demnach genüge allein der Glaube, und zur Vermittlung des Glaubens sei eine mit der staatlichen Obrigkeit zusammenarbeitende Amtskirche nötig. Diese Botschaft ist bequemer als die urchristlichen Ideale der Volksbewegung, und sie sichert die Existenz des Pfarrer- und Priesterstandes. Denn der allein genügende Glaube werde vom Heiligen Geist mithilfe der Predigt des Pfarrers und der kirchlichen Sakramente vermittelt. Die meisten Hörer lassen sich auf die Seite des Redners ziehen, und die Erweckungsbewegung hat nicht die Kraft, sich als im öffentlichen Leben spürbare Gemeinschaft in der Stadt zu halten. Viele gehen auseinander. Nikolaus Storch entschließt sich, mit der Botschaft durch die Lande zu ziehen, und er stirbt später in einem Münchner Hospital.
Luther gibt sich mit dem Stimmungsumschwung in Zwickau aber nicht zufrieden. Er verfolgt die Spuren der neuen Bewegung das ganze Jahr 1522 über auch in anderen Städten, in denen sich eine ähnliche Entwicklung anbahnte. Von Zwickau aus zieht er nach Leipzig, Erfurt, Weimar und in weitere Orte, um auch dort die zarten Ansätze einer geistlichen Erweckung auszureißen.